Über das Wesen der Liebe
Quelle: Patton L. Boyle, "Der Ruf des Falken", Ansata Verlag, Seite 67-73

... „Du glaubst, Liebe sei etwas, was sie gar nicht ist. Du identifizierst Liebe mit deinen Gefühlen. Deshalb glaubst du, Liebe sei ein Gefühl. Das ist sie nicht."
Wieder blieben wir in aktives Schweigen gehüllt. Dann:
„Du verstehst nicht, dass Liebe eine Verpflichtung bedeutet, eine tiefe Verpflichtung, nicht vom Verstand ausgehend, son­dern vom Herzen. Man liebt nicht mit dem Verstand, man liebt mit dem Herzen. Liebe ist auf einer tieferen Ebene be­heimatet als Gefühle. Du kannst sie auch nicht mit deinen Gefühlen aufspüren. Das hat bei deinem Volk viel Verwir­rung gestiftet. Sie glauben, sie müssten etwas fühlen, wenn man der Liebe begegnet. Manchmal fühlen sie etwas, manch­mal nicht. Dein Volk versteht nicht, dass Liebe eine Dimen­sion wie Raum oder Zeit ist. Liebe ist alles, was existiert. Sie steht hinter aller Schöpfung. Die Schöpfung wurde aus ihr hervorgebracht und drückt Liebe aus, aber sie ist nicht selbst Liebe. Sie ist vielmehr Liebe, die in die Tat umgesetzt wird."
Er hielt wieder inne. Die Stille war kraftvoll. Er fuhr fort:
„Liebe ist die Dimension mit der größten Tiefe. Sie wird nicht von dir erschaffen. Weil du etwas fühlst, das du mit Liebe in Verbindung bringst, glaubst du, das sei deine Liebe. Doch kannst du Liebe nicht in dir selbst erzeugen. Du kannst eini­ges hervorbringen, aber Liebe vermagst du nicht zu erschaffen.

In ihrer reinsten Form begegnet man ihr auf der Ebene der Stille. Der Materie, der Energie und allen Dingen, denen man in der physischen oder geistigen Welt begegnen kann, liegt Liebe zugrunde. Liebe ist das Grundelement von allem.»
Wieder herrschte tiefes Schweigen. Schließlich entgegnete ich: «Was du sagst, klingt so unpersönlich."

„Das ist deshalb so, weil du nicht verstehst", antwortete er. Er hatte recht: Ich verstand nicht.
„Wenn Liebe in ihrer reinsten Form erscheint, erkennen sie die Menschen nicht, weil sie von ihr erwarten, etwas anderes zu sein, als sie ist. So war es immer, und so ist es auch mit dir. Die Liebe kommt, und sie bleibt dir verborgen. Du versuchst ständig, sie zu etwas zu machen, was sie nicht sein kann. Du möchtest, dass sich Liebe gut anfühlt. Manchmal ist das der Fall, manchmal nicht. Du möchtest, dass dir die Liebe ein gutes Gefühl dir selbst gegenüber vermittelt, doch zuweilen enthüllt sie Dinge, die du an dir selbst verabscheust. Liebe führt dich zurück in tiefere Schichten deines Wesens, hin zu deinen Anfängen, oder sie treibt dich voran in neue Bereiche, zu deinem Ende hin. Liebe ist der Anfang und das Ende. Liebe ist die Essenz, der alle Dinge entstammen und zu der alles hinstrebt. Sie ist die innere Natur des Universums. Sobald du ihr begegnest, wirst du verwandelt; du musst verwandelt werden, denn die Liebe ist ständig im Wandel begriffen."

In meinem Kopf drehte sich alles. Ich konnte das nicht auf einmal verarbeiten.
„Ich kann nicht alles verstehen. Es ist zuviel, und es ging zu schnell."
„Du wirst nicht alles gleich verstehen, doch wirst du dich meiner Worte erinnern, und du wirst sie dann begreifen, wenn die Zeit reif ist.

Ich werde dir heute noch etwas mehr über die Liebe er­zählen. Du bist dem Bösen begegnet. Du weißt, dass es real ist. Das Böse, auf das du getroffen bist, war das Böse, das du selbst geschaffen hast. Doch es gibt Zeiten, in denen du dem Bösen begegnest, das von anderen geschaffen wurde. Wenn das eintritt, stehen dir vier Möglichkeiten offen: Du kannst dich entscheiden, das Böse zu ignorieren, davonzulaufen, seine Grenzen zu bestimmen oder seine Auswirkungen be­reitwillig zu erdulden.

Wenn du es ignorierst oder gar keine Entscheidung triffst, wirst du sein Opfer. Wenn du davonläufst, machst du dich verwundbar für Angriffe, denn das Böse könnte sich nun seinerseits entscheiden, dich anzufal­len.
Legst du seine Grenzen fest und verteidigst sie dann, wirst du seine Auswirkungen beschränken. Wählst du die vierte Möglichkeit und entscheidest dich bereitwillig, die Auswirkungen des Bösen auf dich zu nehmen, kannst du seine Macht ins Gute verkehren. Wenige treffen diese Wahl, aber diejenigen, die es tun, verändern die Welt. Die vierte Möglichkeit kann nur durch Liebe herbeigeführt werden. Sie ist die wirksamste von allen.

Erinnere dich an das, was ich dir gesagt habe! Erinnere dich an meine Worte! Doch erinnere dich auch daran, dass die Wahrheit nicht in den Worten selbst liegt, sondern in der Stille zwischen ihnen. In der Stille spricht die Liebe."

Es folgte eine weitere, lange Phase des Schweigens. Dann stand er auf und wandte sich mir zu. Ich erhob mich und stand ihm gegenüber. Er sprach wieder: «Ich werde gehen, und doch bleibe ich hier. «Bedenke: Liebe ist nicht das, wofür du sie hältst! Friede sei mit dir!» Bei diesen Worten hob er die Hand in der klassischen Geste der Indianer. Der Ärmel seines ledernen Kleides rutschte zurück und gab seine Hand frei. Ich konnte eine hässliche, tiefe Wunde in der In­nenfläche seiner Hand knapp über dem Gelenk sehen.
Ich schnappte nach Luft.
„Wer bist du?" fragte ich erwartungsvoll. Aber er war verschwunden.


Ich saß immer noch versunken und nachdenklich am Feuer, als die Dämmerung in glühenden Farben den Himmel über­zog. Nach einer Weile löschte ich aus, was noch glimmte, und machte mich langsam auf den Rückweg zum Dorf. Als ich am Fuß des Hügels angelangt war, sah ich Fliegenden Adler forsch wie einen Mann in den Zwanzigern auf mich zugehen.
„Guten Morgen!" dröhnte er. „Wie war die Nacht im Wald?"
Ich befand mich immer noch in einer Art Schockzustand.
„Ich versuche unablässig zu verarbeiten, was geschehen ist. Seine Hand, die Wunde in seiner Hand..."

Fliegender Adler sah mir tief in die Augen und lächelte sanft. „Du kennst das Geheimnis, nicht wahr? Er sagte, er würde dir seine Wunde zeigen. Ich dachte, es wäre noch zu früh, aber er meinte, du seist bereit."
„Sternen-Mann ist Jesus, nicht wahr?"
„Ja." Er legte mir die Hand auf die Schulter, und wir gin­gen langsam dem Dorf zu. „Er zeigt seine Wundmale nicht jedermann, nur einigen wenigen. Mich ließ er sie bei seinem dritten Besuch sehen. Ich brauchte einige Tage, um es zu verstehen. Dann ging mir ein Licht auf. Wir haben die gleiche Religion, doch ihr sollt von uns lernen, was wir über die Natur wissen. Wir sollen von euch lernen, was ihr über Ver­gebung wisst. Es ist der gleiche Geist, und wir sind Brüder. Ich versuchte, dem Missionar diese Dinge auseinanderzuset­zen, als er kam. Er wollte nicht hören und versuchte ein­dringlich, mir von Jesus zu erzählen. Ich wiederholte ständig, dass ich Jesus bereits kenne, aber er wollte nicht auf mich hören. Er sprach über die Kirche und dass wir unsere heidni­schen Bräuche lassen müssten und wie wir statt dessen wer­den sollten. Ich wollte jedoch keinesfalls so werden wie er. Mir war Jesus im Wald am Feuer begegnet, und ich durfte mit ihm sprechen. Er hatte in meiner eigenen Sprache zu mir geredet und mich über den Geist und die wahre Bedeutung von Ritualen belehrt. Der Missionar verlangte von mir, all das zu vergessen und einem Jesus zu folgen, von dem er nur gehört hatte. Ich konnte ihn nicht dazu bringen zu verstehen. Aber ich glaube, dass du begreifst. Jetzt bist du Sternen-Mann begegnet und kennst seinen anderen Namen."

„Er hat mich über die Liebe belehrt", sagte ich. „Ich habe wenig von dem, was er mir gesagt hat, verstanden. Es hat mich verwirrt, und ich konnte nicht alles erfassen."
„Es dauerte viele Jahre, bevor ich alles begriff, was er mich über Liebe gelehrt hatte. Er sagte mir, dass Liebe nicht das sei, wofür ich sie hielte. Er meinte, dass ich den Großen Geist gesucht habe, weil ich wünschte, dass er mir diene, meine Bedürfnisse befriedige und mir Weisheit und Wissen ver­mittle. Er sagte weiter, dass ich die wahre Bedeutung der Liebe erfahren würde, wenn ich bereit wäre, den Wunsch aufzugeben, dass mir der Geist dienen möge - und wenn ich bereit wäre, für mein Volk zu sterben.

Das erschien mir lächerlich. Ich wollte keinem Geist dienen, der etwas Derartiges von mir verlangte. Doch nach und nach begann ich, den Sinn zu verstehen, und erkannte schließlich, dass er recht hatte. Ich wusste überhaupt nicht, was Liebe eigentlich ist; ich hatte nur geglaubt, das zu wissen. Er hob hervor, dass Liebe kein Gefühl sei, aber ich konnte ihm nicht glauben, weil ich ihm nicht glauben wollte. Ich bestand darauf, dass sich Liebe für mich gut anfühlen müsse. Er sagte mir, die Liebe mache mich so stark, dass ich fähig würde, mein Leben für andere aufzugeben. Ich hatte das nicht gewollt. Doch allmählich be­gann ich zu verstehen, und so wird es auch bei dir sein. Ich wollte der Mittelpunkt meines eigenen Lebens und meines eigenen kleinen Universums sein, doch wir sind nicht dieser Mittelpunkt. Allein die Liebe ist es. Als ich aufhörte, mir von der Liebe dienen zu lassen, damit sie meine Bedürfnisse be­friedige oder mir ein Wohlgefühl vermittle, entdeckte ich ihre wahre Natur. Die Liebe ist nicht mehr so schön, wie ich sie früher sah - sie ist viel wunderbarer."

„Fliegender Adler, der Gedanke an diese Wunde geht mir ständig im Kopf herum. Als ich in meiner Kindheit erfuhr, dass Jesus aus Liebe zu den Menschen gestorben war (eben auf die Weise, wie er gestorben ist), dachte ich automatisch, dass er für sie ein zartes Gefühl gehegt haben musste, das ich Liebe nannte. Irgendwie hat der Anblick der Wunde dieses Bild für mich zerstört. Ich kann mir nicht mehr länger einen Mann vorstellen, der mit einer solchen Wunde am Kreuz hängt, nur weil er eine liebevolle 'Wärme für andere Men­schen empfindet. Wenn es bei seinem Tod um Liebe ging, dann muss Liebe etwas Realeres und Mächtigeres sein als ein Gefühl der Wärme."

„Allmählich begreifst du es", sagte er schlicht. „Die Wunden sind der Schlüssel zum Verständnis dessen, was Liebe wirklich bedeutet. Denke weiter über sie nach! Stelle fest, was sich daraus ergibt! Wir werden später noch ausführlicher darüber reden."

'Wir erreichten das Dorf, wo er mich im Speiseraum zurückließ. Ich verzehrte mein Frühstück rasch, ging in mein Zimmer und legte mich nieder. Aber ich konnte nicht schla­fen; ich musste ständig an die Wundmale denken. Als Jesus den Jüngern nach der Kreuzigung erschien, zeigte er ihnen die Wundmale. War das vielleicht mehr als nur eine Art, ihnen zu beweisen, wer er war? Als ich die Wunde sah, er­kannte ich ihn als Jesus, aber dieser Anblick veranlasste mich auch, meine Auffassung vom wahren Wesen der Liebe zu verändern. Ich hatte mich immer darauf verlassen, dass Liebe an einem Gefühl zu erkennen wäre. Plötzlich erkannte ich sie nun in einer hässlichen, klaffenden Wunde wieder. Ich konnte nicht mehr an den Punkt zurück, an dem ich Liebe nur als ein Gefühl betrachtete...